Dreck

Jedes Mal, wenn ich den Eindruck habe, endlich fertig zu sein, entdecke ich an anderer Stelle, dass das Gegenteil der Fall ist. Links von mir liegt der zerknirschte Wäscheberg auf der ebenso verwirrten Couch und ruft sichtlich danach, in geordnete Bahnen gelenkt zu werden. Rechts von mir die Küche – wobei der Begriff Küche im Moment ein Kompliment ist. Eher sollte sie „perpetuum mobile“ heißen. Sie hält sich ständig selbst dreckig. Der Dreck von zuvor beschwingt den Dreck von danach und umgekehrt. Selbst in ihren augenscheinlich klinisch reinsten Zeiten baumeln in den Ecken zwischen Decke und Wand armselige Seidenfäden. Sie werden von Monat zu Monat immer voluminöser. Würde mir doch nur etwas einfallen, wofür ich sie nutzen könnte, dann hätte die wundersame Vermehrung der Seidenfäden auch noch einen Sinn. Vielleicht ließe sich mit ihnen Seide spinnen. Die Menge würde für ein hübsches Kleid sicher genügen. Sie wirken erbärmlich. Ich beobachte sie einen Moment. Doch dann fällt mir auf, dass sie mich dabei beobachten, wie meine Augen von einem unaufgeräumten, ungeputzten, unfertigen Ende zum anderen rollen.
Vor mir hängen unruhestiftende Zettel, Zeichnungen meiner Kinder, Prospekte, mein Kalender, Einladungen, Postkarten, meine Einkaufsliste. Ich frage mich, warum der Kühlschrank eigentlich Kühlschrank heißt, wenn seine Hauptaufgabe doch wohl eher darin besteht, Objekte außen zur Schau zu stellen. Er sollte eher „Pinnwand mit der Nebenfunktion integrierter Kühlmöglichkeit“ heißen.

Hinter mir erdrückt mich etwas. Ein überquellendes Gefühl. Erst vor 23 Monaten habe ich das Buffet entrümpelt, ordentlich gewischt und nur noch das nötigste zurückgestellt. Heute: zu viel drin, zu viel dran, zu viel drauf. Dem geht’s wie mir. Was ist eigentlich das Gegenteil von entrümpeln? Anrümpeln? Aufrümpeln? Einrümpeln? Warum entrümpelt der Mensch nur, wenn er danach wieder neue Dinge anschafft?

Unter mir spüre ich Waldboden. Sandig, erdig, stachelig, körnig. Das Parkett unserer Küche war ursprünglich dazu gedacht, die Füße auf einem angenehm warmen, glatten, sauberen Boden zu betten. Wären da nicht die Überreste diverser Frühstücks-, Mittags- und Abendzeremonien. „Setz‘ Dich bitte ordentlich hin.“, „Kopf bitte über den Teller.“, „Vorsichtig das Müsli in das Schälchen.“ – hilf alles nicht. Kehren wäre eine Möglichkeit, wäre sie nur nicht solch eine Sisyphos-Arbeit. Der Sisyphos und ich – das fühlt sich manchmal an wie eine schlechte Ehe. Der macht sich einfach nicht aus dem Staub. Für mich ist er so vertraut wie für andere der innere Schweinhund.
An der Decke über mir schwebt mein eigener Schatten, der mein Spiegelbild in Dreck und Staub des Alltags abbildet.
Das Schreiben muss heute unter erschwerten Bedingungen stattfinden, da meine Unterarme an den Marmeladenresten des Frühstücks festkleben.

Woher kommt eigentlich all dieser Dreck, all diese Unordnung? Es muss an der Gesamtkonstellation liegen. Ein Mann, zwei Kinder und ich. Und der Dreck.
Es scheint mir naheliegend, den Familienrat einzuberufen. Weil all die in Staub und Asche abgebildeten Erinnerungen an die letzten zwei bis drei Monate blitzartig aus meinem Wahrnehmungsfeld verschwinden müssen, kommandiere ich den Putztrupp – Vater, Mutter, Kinder – bis in die letzten Abgründe unserer Wohnung. Da sich der Zustand so unübersehbar präsentiert, machen alle bereitwillig mit. Es ergießt sich über mich ein Gefühl von Befriedigung, die Verantwortlichen für solch untragbare Gegebenheiten gefunden zu haben.
Nach ein paar Minuten machen Isabella und Amelie schlapp: „Mama, das ist so anstrengend. Ich kann nicht mehr.“ – „Tja, jetzt seht Ihr mal, was es hier alles zu tun gibt. Das macht sich nämlich nicht von allein.“ So ein blöder Spruch. Den fand ich schon immer völlig daneben. Und jetzt sag ich ihn selber. Zu meinen eigenen Kindern?
Während der Reinigungsaktion fallen mir noch ein paar weitere Anregungen für meine Kinder ein, wie sie sich am Saubermachen beteiligen könnten: „Räumt bitte Eure Kleidung in den Schrank.“, „Der Waschlappen, mit dem Du Deiner Puppe den Po abgewischt hast. Bring den bitte wieder ins Bad.“, „Kannst Du bitte noch Deine Malsachen in die Schublade räumen?“, „Also von mir habt Ihr das nicht, die Sachen einfach immer da liegen zu lassen, wo Ihr sie ausgezogen habt.“
Es bahnt sich nach einigen Überredungsstrategien und Putzanimationsspielchen an, dass aus dem „Waldboden“ wieder ein Parkett, aus der „Pinnwand“ wieder ein Kühlschrank und aus dem „Perpetuum Mobile“ wieder eine Küche wird.
Am Abend bedanke ich mich bei allen für die gelungene Teamarbeit.
Mein Pullover liegt noch auf der Couch. Amelie räumt ihn für mich auf. Als sie meinen Schrank aufmacht kommentiert sie: „Mama, warum müssen wir eigentlich immer so viel aufräumen und bei Dir im Schrank liegt alles durcheinander?“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.