Dankbarkeit in der Krise

obwohl – oder gerade weil – wir in einer Krise stecken

Der Optimismus wurde mir in die Wiege gelegt. Seit ich denken kann, ist es mir immer wieder gelungen, in schier ausweglosen Situationen Gedanken zu fassen, die mich dazu ermutigt und befähigt haben, irgendwie weiterzumachen. Dafür bin ich sehr dankbar! Zur Zeit stecken wir alle, weltweit, in einer Krise. Der Virus bedroht unsere gesamte Gesellschaft. Mein Mitgefühl für all diejenigen, die gesundheitlich oder existenziell betroffen sind! Es erschüttert mich zutiefst. Meine Dankes-Gedanken sollen die Bedrohung, die Gefahr und die Trauer, die durch diese Krise entstanden sind, in keiner Weise schmälern.
Wie kann es jedoch bei allem Mitgefühl gelingen, sich selbst, die Familie und Freunde immer wieder mit optimistischen Gedanken zu nähren? In unserem Umfeld gelingt es durch die Dankbarkeit. Wir sammeln jeden Tag Dinge, für die wir dankbar sind. Mein Mann ist Wildnispädagoge. In Wildnisgruppen ist es üblich, z.B. vor dem Essen eine Dankesrunde durchzuführen. In unserer Familie machen wir das seit mehreren Monaten und lernen so immer wieder voneinander, was uns wichtig ist und eben, wofür wir dankbar sind. Speziell jetzt, in der Coronakrise, ist es mir wichtig, das mit Euch zu teilen. Deshalb schreibe ich hier auf, wofür ich dankbar bin. Wenn Ihr selbst noch Ideen & Anregungen habt, schreibt’s doch gern in die Kommentare.

Dankbarkeit trotz – oder gerade wegen – der Krise

Danke für mein Leben
Ich bin dankbar für mein Leben, denn das allein ist der Grund dafür, dass ich all das Schöne erleben kann. Dass ich mich selbst mit all meinen Macken und Eigenschaften kennen darf. Auch, wenn ich einige Optimierungsideen hätte…Dennoch: Allein, dass an mir alle praktischen Werkzeuge wie Arme und Beine dran sind, wunderbar! Oder daß mein Herz Tag ein, Tag aus für mich schlägt: ich bin ein Wunder!
Danke für meine Familie
Es ist für mich ein großes Geschenk, „meine“ Familie zu „haben“. Auch, wenn es innerhalb der Familie ganz natürliche Höhe und Tiefen gibt. Das gehört alles dazu und ist – auch wenn es mal Konflikte oder schlaflose Nächte und gibt -einfach wunderbar.
Danke für unsere Gesundheit
Ich bin dankbar dafür, dass wir als Familie gesund sind. Gesundheit ist das höchste Gut und kann mit keinem Geld der Welt gekauft werden.
Danke für das Essen
Genug zu essen zu haben ist ein Privileg, das wir in unseren Gefilden als gegeben hinnehmen. Doch es ist die Basis unserer Existenz und ohne Essen könnten wir nicht sein. Ich staune jeden Tag darüber, dass unsere Supermärkte genug Essen für uns alle in den Regalen stehen haben. Wie die Produzenten, Lieferanten und Pflanzen das hinbekommen ist mir oft schleierhaft. Umso dankbarer bin ich dafür, dass ich mich daran bedienen darf.
Danke für den Frieden
Ich weiß, dass es in vielen Teilen der Erde keinen Frieden gibt. Ist es nicht wundervoll, dass es zumindest in meinem Land auch viel Frieden gibt? Wir sind frei von Krieg – jedenfalls in unserem Land Deutschland. Allein das ist doch schon Grund zur Freude. Juhu! (Auch wenn ich natürlich weiß, dass es in anderen Formen Unfrieden, Ungerechtigkeit auch bei uns gibt)
Danke für das Wasser
Immer wieder frage ich mich, wie das möglich ist, dass ständig trinkbares Wasser aus unseren Leitungen sprudelt. Wie machen die das von den Wasserwerken, dass all der Unrat und Schund, der sich in unseren Abwässern befindet, so weit herausgefiltert wird, dass wir es gut trinken können? Ja, es gibt vielleicht noch reineres Quellwasser, mag sein. Aber dafür, dass wir so viele Menschen sind, ist es doch genial, wie sauber es doch wieder aus unseren Leitungen kommt. Danke dafür! Und für das viele Wasser auf der Erde, das die Planzen und die Tiere nährt und die Böden mit Leben erfüllt.
Danke für die Menschen
Ja, es mag den ein oder anderen Haubentaucher in unserer Gesellschaft geben. Kriminelle, Brutale, Ungerechte. Ich weiß. Und doch sind wir doch im Großen und Ganzen ein ganz guter Haufen, oder? Ist es nicht verwunderlich, dass wir doch so gut miteinander umgehen, obwohl wir so unterschiedlich sind? Und ist es nicht ein Geschenk, all diese lieben Menschen im Umfeld zu haben, die mir wohl gesonnen sind, die sich für mich interessieren, die mich wertschätzen? Danke, dass es Euch gibt!
Danke für die Sonne
Wie macht die das eigentlich, die Sonne? Brennt die nie aus? Jeden Tag, wenn ich Sie am Morgen über den Wiesen und Dächern aufblinzeln sehe, denke ich „Danke, dass Du uns die Wärme schenkst.“ Was wären wir ohne unsere Sonne? Ein erfrorenes Häufchen. Ohne sie wäre kein Leben auf der Erde möglich.
Danke für unsere Wohnung
Obwohl mein Mann Wildnispädagoge, wäre ich selbst in der Wildnis sicherlich verloren. Immer wieder muss ich an die Menschen in der Steinzeit denken und frage mich, wie die das eigentlich überlebt haben. Ich würde vielleicht ein paar Tage überleben. Vielleicht würde ich sogar etwas zu Essen finden, wer weiß. Ich hab es ja noch nicht versucht. Woran ich aber auf jeden Fall zugrunde gehen würde, ist die Kälte. Kein Feuer könnte für mich warm genug sein. Ich bin so verfroren, dass ich selbst im Sommer mit Pulli schlafe. Ich bin so dankbar für unsere Wohnung und unsere Heizmöglichkeiten!
Danke für die Sprache
Mit anderen Menschen zu kommunizieren ist für mich höchst spannend. Zudem ist es auch noch sehr praktisch – wenn wir nicht gerade aneinander vorbei reden. Es kann so Spaß machen, miteinander zu reden, zu lachen. Und auch in Krisen hilft sie uns, miteinander zu planen und zu handeln. Einfach eine geniale Erfindung.
Und vieles mehr
Natürlich gibt’s noch jede Menge Dinge, für ide ich dankbar bin: Luft, Bäume, Schatten, Sicherheit, Strom, Ofen, Kühlschrank usw. Doch das alles aufzuzählen würde hier den Rahmen sprengen.

Das waren die Dinge, für die ich sowieso immer dankbar war und bin.
Jetzt, in der Krise, haben sich manch neue Erscheinungen aufgetan, die mich erfreuen – auch wenn ich, wie gesagt, dadurch nicht das Drama, das der Virus anrichtet, abwerten will. Niemals hätte ich mir gewünscht, dass all diese neuen Wahrnehmungen aufgrund einer solchen Epidemie zu mir kommen. Doch nun sind sie eben da und ich versuche, etwas Gutes daraus mitzunehmen.

Danke“ für die neuen Erkenntnisse

Bevor Corona kam, dachte ich, alles würde seinen gewohnt ungewohnten Weg gehen. Doch es wandelte sich.
Plötzlich hatten mein Mann und ich keine Ausrede mehr, wie wir als zwei beruflich Selbständige unseren Alltag organisieren wollten. Monate-, fast jahrelang, hatten wir versucht, herauszufinden, wie wir unsere Arbeits- und Kinderbetreuungszeiten aufteilen könnten. Jetzt, in der Krise, haben wir innerhalb von drei Tagen eine Lösung gefunden, mit der wir uns beide wohl fühlen. Komisch. Schon fast mysteriös. Was war das? Ein Ruck? Ein Zwang? Ein Impuls? Jedenfalls hat es uns gut getan und führt zu ganz neuartigen Umgangsformen. Alle zwei Tage kocht nun mein Mann abends. Früher fand er, ich könne das doch besser und es wäre daher auch sinnvoller, ich würde das hauptamtlich übernehmen. Unser neuer Krisenplan hat ergeben, dass es besser ist, uns dabei abzuwechseln. Und es klappt. Es klappt so gut, dass er sogar bereits am Nachmittag erste Vorkehrungen in der Küche trifft, um am Abend pünktlich um 18.30 Uhr das Essen auf dem Tisch zu haben. Manchmal „erschrecke“ ich schon fast vor seinen neuen Verhaltensweisen. Er ist, frei nach Ephraim Kishon, der beste Ehemann von allen.
Aus mir selbst wurde in der Krise von heute auf morgen ein Technik-Freak. Technik und Franzi, das war früher so, als würde man versuchen, aus einer Pizza einen Kuchen zu machen. Das funktionierte einfach nicht. Der Krisenruck hat mich aus meinem Märchenschlaf gerüttelt und mir meinen ersten Film entlockt. Ich habe einen Film gemacht, jawohl! Meine Kinder nennen mich bereits „eine richtige Youtuberin“, obwohl ich heute (da ich das hier schreibe) noch nicht mal einen Youtube-Account habe und auch noch gar nicht weiß, wie das geht. Aber ich will es herausfinden. (Update: Habe es mittlerweile herausgefunden…)
Unsere Kinder wischen plötzlich jeden Tag den Küchentisch, weil Mama und Papa eben nicht alles gleichzeitig machen können. Sie sehen ein, dass unser neugewonnener Alltag ohne ihre Hilfe nicht funktioniert. Ok, es ist noch Luft nach oben. Dennoch: Ich erfreue mich an ihrer Einsicht – ohne, dass ich fünfmal darum bitten muss.
Rosalie, unsere Kleinste (eineinhalb Jahre alt), ist nun auch gefragt, sich mit all diesen Abläufen zu arrangieren. Aber sie wusste ohnehin schon vor der Krise, dass Mama und Papa sich mehr abwechseln sollten. Ihr gefällt es, dass sie dadurch mit jedem von uns Zeit verbringen kann. So kann ihr auf keinen Fall langweilig werden. Supi!
Meine Eltern habe ich in den letzten 4 Monaten nicht so oft in Ruhe gesprochen wie in den letzten zwei Wochen. Wir wohnen auf einem gemeinsamen Gelände und doch waren Arbeit, Haushalt, Kinder etc. immer so wichtig, dass wir uns selten zu einem Schwäzchen verabredeten. Es ist schön, sie öfter zu sehen – natürlich nur auf Abstand.
Unsere Nachbarn treffen wir deutlich öfter auf dem Hof – ebenfalls mit gebührendem Abstand. Es ist ein gemeinsamer Hof, auf dem unsere Kinder spielen. Wir haben getrennte Bänke aufgestellt, Linien gezogen, die die Kinder nicht überschreiten dürfen. Alle wurden erfinderisch.
Unsere Kinder essen nun Trockenobst und Nüsse statt Schokoriegel und Eis – einfach nur deshalb, weil wir nicht mehr so oft zum Einkaufen gehen und uns die Dinge öfter mal ausgehen.
Überhaupt: Ich muss nicht mehr so viel zum Einkaufen gehen! Unser Nachbar bringt uns meist die Einkäufe mit, weil er und seine Frau sowieso zum Einkaufen fahren und es für sie in Ordnung ist. Danke an dieser Stelle! Einkaufen ist für mich auch im normalen Alltag, ohne Krise, eine Zumutung. Ich mag es einfach nicht. Ich finde es doof. Auch, wenn ich – wie gesagt – sehr dankbar für die Lebensmittel bin.
Im Zuge der Krise wurden alle Auträge und beruflichen Termine, die mein Mann und ich Monate zuvor geplant hatten, abgesagt. Keine Einnahmen mehr. Null. Einen Antrag auf Soforthilfe dürfen wir nicht stellen, weil wir etwas gespart haben. Am Anfang habe ich mich darüber aufgeregt, doch jetzt freue ich mich einfach, dass wir sparsam gelebt haben. Dadurch sind wir frei von Existenzängsten. Dennoch müssen wir wieder Geld verdienen. Innerhalb kürzester Zeit sind aufgrund dessen beruflich neue Ideen und Projekte entstanden, die ich mich zuvor nie anzufassen getraut hatte. Nun wage ich Tätigkeiten, die mir zuvor schienen, als wären sie immer nur anderen, mutigeren, schlaueren vorbehalten. Ich wage Neues und freue mich darauf.
Unsere Schulkinder lernen jetzt zuhause. Seit Jahren habe ich mich darüber aufgeregt, dass es die Schulpflicht gibt und Freilernen in Deutschland verboten ist. Jetzt erlebe ich, was ich nie zu träumen gewagt hätte, das Experiment. Am Anfang dachte ich „Oh je!“, jetzt denke ich „Wie schee!“ (=Wie schön! ). Die Kinder sitzen nun 2 Stunden am Tag an Lernprojekten. Sie konzentrieren sich, arbeiten intensiv. Satt 6 Stunden zwei Stunden am Tag – und es funktioniert.
Wir können durch unseren neuen Zeitplan in der Früh gemeinsam frühstücken. Es gibt keinen Zeitdruck durch Schule, Arbeitstermine etc. Auch mal toll!
In unserem Verein, für den ich in letzter Zeit wenig Zeit hatte, hat sich durch das Nähen von Masken ganz von selbst ein neues Projekt ergeben, an dem einige mitarbeiten.
Das Leben ist jetzt anders, aber solange wir gesund sind, ist es auch spannend und eine Herausforderung. Ein Freund schrieb mir vor ein paar Tagen, ob es denn für uns als Familie neue Schwerpunkte gäbe. Ich antwortete, dass dem definitiv so sei und aus den Schwerpunkten vielleicht nach paar Testläufen „Leicht“punkte werden können.
Wir alle sind gefragt, aus der Krise etwas zu machen. Jede und jeder auf seine Weise. Es gibt so viel Unterstützung in unserem Land, auch für die können wir doch sehr dankbar sein, oder?
Ich denke, wenn wir dankbar bleiben für das, was ist, können wir viel aus dieser Zeit lernen.

Kürzlich habe ich einen sehr positiven Artikel von Matthias Horx entdeckt. Er spricht mir aus der Seele, sehr lesenswert: Die Welt nach Corona von Matthias Horx – http://www.horx.com und http://www.zukunftsinstitut.de.